|
michael snow michael snow, 1929 in toronto geboren, ist einer der wichtigsten strukturellen filmemacher und gehört zu den zentralsten experimentalfilmern überhaupt. neben seinem filmischen schaffen ist snow als bildender künstler und musiker international bekannt. snows filmographie ist lange und reicht bis ins jahr 1956 zurück. mit ‚wavelenght' (1967), seinem bekanntesten film, schaffte er 1967 den internationalen durchbruch. von zentraler bedeutung in snows filmen ist die auseinandersetzung mit filmischem raum und zeit. mittels zoom und kamerabewegung werden räume durchforscht und durchschritten, bisweilen auf derart mechanische weise, dass die filme wie maschinell hergestellt wirken. zugleich ist snow ein meister in der ausdehnung von zeit, der sich nicht davor scheut, eine 30-sekundenaktion auf 18 minuten auszudehnen (vgl. 'see you later (au revoir)'). snows filme sind von äussester klarheit und lesbarkeit. sie machen verborgenes sichtbar, bereiten seherlebnisse aussergewöhnlicher art und sind nahrung für jeden geist. stets funktionieren sie nach einem klaren konzept und stellen überlegungen an zu medium film, verlieren dabei aber nie ihren humoristischen, spielerischen touch. unebenheiten und kleine 'fehler' werden nicht glatt poliert. im gegenteil, sie gehören für snow dazu und verschaffen seinen filme eine angenehm greifbare materialität. während seine frühen filme oftmals der erforschung kinematographischer prozesse untergeordnet waren, räumt snow in seinen neueren filmen den menschen mehr und mehr platz ein. sie treten nicht nur häufiger auf, sondern werden in die untersuchungen miteinbezogen. snows neuster film ‚corpus callosum' (2002) ist hierfür ein gutes beispiel. 01. michael snow 1 02. michael snow 2 03. michael snow 3 04. michael snow 4 |
|
|
|
michael snow 1
a to z 1957, 16mm, 7:00 snows erster film: "a cross-hatched family fantasy about nocturnal furniture love. two chairs fuck." standard time 1967, 16mm, 8:00 eine spielerische, effektvolle überlegung zur beziehung zwischen bild, zeit und raum. in ‚standard time' schwenkt eine auf taillenhöhe angebrachte kamera in einem wohnzimmer hin und her, vor und zurück, rauf und runter. der ton eines gespräches wird auf- und abgeblendet. one second in montreal 1969, 16mm, 26:00 eine sammlung von fotografien - mögliche standort für ein monument in montreal - während 26 minuten, eine nach der andern gezeigt: diese prozession von bildern fasziniert und hypnotisiert, obgleich es sich um völlig gewöhnliche, ‚nicht künstlerische' fotos handelt. subtil lenkt snow unsere wahrnehmung und aufmerksamkeit und relativiert die faktoren zeit, dauer und bewegung. wavelength 1966-67, 16mm, 45:00 eine 45minütige zoom-fahrt durch eine new yorker loft macht snow zu einem einmaligen, faszinierenden erlebnis. der film ist legendäre und hat auch heute noch nichts von seiner wirkung eingebüsst. michael snow 2 breakfast (table top dolly) 1972-76, 16mm, 15:00 eine 15minütige kamerafahrt in richtung frühstückstisch: "a grand metaphor for indigestion!" see you later (au revoir) 1990, 16mm, 18:00 der meister der langsamkeit, schafft hier einen fokuswechsel, der zu einem einzigartigen sinneseindruck wird. eine 30-sekundenaktion dehnt snow in bild und ton auf 18 minuten aus. zeit und dauer werden greifbar, details treten in den blickwinkel und gewinnen an schönheit und faszination, die in der ‚normalzeit' stets verborgen geblieben wären. seated figures 1988, 16mm, 42:00 ein road-movie besonderer art - eine fahrt über asphalt, sand, geröll und blumenwiesen. snow lässt uns, das gesicht gegen unten gerichtet, über die erde fliegen und setzt unsere statischen ‚seated figures' in einen gegensatz zum konstant bewegten grund. der sound eines hypnotisierten, gebannten filmpublikums verstärkt die widersprüchlichkeit der situation noch um ein drittes. michael snow 3 presents 1980-81, 16mm, 90:00 ‚presents' gilt als eine von snows besten arbeiten. sie ist eine art wortspiel in drei teilen, eine komplexe, provokative schilderung von ‚gegenwart' im film. "it's a play based on the slipping and colliding senses of the word ‚presents'." snow spielt mit der kamera, bringt an ihrer stelle die gesamte szenerie in bewegung, lässt sie in einem zweiten schritt brutal in diese eindringen und zersetzt zuletzt die aufgenommene ‚totale' gegenwart in einzelne unzusammenhängenden erscheinungen. michael snow 4 prelude 2000, 35mm, 4:00 kurz, bizarr, witzig und technisch höchst brillant! ‚prelude' zeigt eine gruppe leicht gestresster leute, die in einem schick gestylten raum sitzt, isst und über food, sex, gewalt und musik redet. aber: was man sieht steht oftmals nicht in korrespondenz zu dem was man hört, und was man hört, passt oftmals nicht zu dem was man gerade sieht. und kaum hat man das spiel durchschaut und beginnt zu verstehen, ist es auch schon zu spät: der film ist zu ende. corpus callosum 2002, video, 93:00 snows jüngster film ist eine lebendige darstellung von transformation und metamorphose. "as usual, snow demonstrates the relativity of our perception, now with digital means." in anlehnung an den ‚corpus callosum', eine zentrale region im menschlichen gehirn, an der die informationen zwischen den zwei hemisphären passieren, setzt sich snow mit dem ‚dazwischen' auseinander. ausgangspunkt ist eine bürosituation: die dort arbeitenden menschen werden plötzlichen veränderungen unterworfen, zum teil realer, bisweilen aber auch irrealer natur. ‚corpus callosum' ist ein balanceakt zwischen normalität und skurrilität, zwischen monotonie und spannung, verstehen und irritation. eine permanente herausforderung an unsere hirntätigkeit und kombinationsfähigkeit. |